Prinzessin und Prinz

Lenas & Jonathans Geschichte

Prinzessin und Prinz

Eine nette Runde: Stefanie, Sarah und ich. Im Hintergrund Lena (10) und Jonathan (1) . Schaut man nicht genau hin, würde man denken, dass sich hier einfach zwei Familien zum Nachmittags-Tee getroffen haben. Und eigentlich ist es auch so. Schaut man jedoch genauer hin, wird man feststellen, dass die beiden Kinder, die hier so fröhlich spielen, ein ganz besonderes Handicap haben – beiden fehlt eine Hand. Im Sommer 2016 ruft mich sehr verzweifelt eine junge Frau aus Wuppertal an. Sie sei schwanger und nach der Ultraschall-Diagnostik in der 23. Schwangerschaftswoche habe die Gynäkologin ihr mitgeteilt: „Ihr Kind wird mit einer Dysmelie zur Welt kommen.“ „Dysmelie?“, denkt Sarah, „Was ist denn das?“ Sie ist nicht nur beunruhigt, sie ist beinahe panisch. „Was bedeutet das?“, fragt sie die Ärztin, die ihr nun erklärt, dass ihr Sohn mit nur einer Hand zur Welt kommen wird. „Aber das ist eigentlich kein Problem. Gehen Sie einfach zu einer Beratungsstelle. Außerdem wird der Kinderarzt nach der Geburt alles Weitere veranlassen!“ So allein gelassen mit dieser unbegreiflichen Nachricht geht Sarah nach Hause. Sie recherchiert im Internet, viele Antworten – aber nicht auf ihre Fragen.

Verzweiflung, Ängste und Trauer machen sich breit. Was wird sein? Wie wird das Leben mit einem behinderten Kind aussehen? Was wird der kleine Mann können? Was nicht? Es ist Sommer und Sarah geht durch die Stadt, sieht Kinder in kurzen Hosen, ärmellosen T-Shirts. Ein Alptraum! Man rät ihr zu einem Schwangerschaftsabbruch. Aber Sarah kann sich mit diesem Gedanken überhaupt nicht anfreunden. Doch sie ist auch voller Sorgen, Trauer und Niedergeschlagenheit. Hinzu kommt etwas geradezu Unglaubliches: Ihr Lebensgefährte will sich von ihr treffen, wenn sie „dieses Kind“ zur Welt bringt. In dieser Situation ruft sie mich an. Wir reden. Wir reden beinahe stundenlang. Ich erzähle ihr von anderen AMPU KIDS. Von „meinen“ AMPU KIDS, die z. T. unvorstellbares leisten, die ihren Weg gehen und meist (wieder) mitten im Leben stehen.

Sarah nimmt alles aufmerksam auf und am Ende unseres ersten Gespräches habe ich das Gefühl, eine etwas beruhigtere Sarah zu verabschieden. Ich habe Sarah auch von Lena erzählt. Von Lena, die ich kenne, seitdem sie ein Jahr alt war. Lena, die ich habe Laufen lernen sehen. Mittlerweile ist sie 10 und ein echt tolles junges Mädchen. An unserem 10jährigen Jubiläum hat sie wunderbar Ballett getanzt – leicht, selbstbewusst und sicher! Ich finde, Sarah muss Lena und ihre Familie kennenlernen. Stefanie, die Mama von Lena erklärt sich sofort bereit. Und so sprechen Sarah und Stefanie schon kurz nach unserem ersten Telefonat zum ersten Mal miteinander. Sarah kennt Lena und ihre Familie nun schon von vielen Fotos, die Stefanie ihr regelmäßig geschickt hat. Aber auch Videos, auf denen Lena Fahrrad fährt, in einem Kletterpark klettert, Bilder, auf denen Lena mit ganz vielen Kindern fröhlich ihren Geburtstag feiert. „So habe ich einen Einblick in das Leben eines Kindes mit Handicaps bekommen und ein bisschen die Angst davor verloren!“, sagt Sarah heute. Und auch: „Rückblickend kann ich sagen, dass die Begleitung von Steffi in meiner Schwangerschaft die meisten Ängste abgebaut hat. Obwohl ich auch eine Beleghebamme hatte!“

Jonathan kommt Anfang Oktober 2016 zur Welt. Ihr Freund hat die Drohung wahr gemacht: Sie ist nun alleinerziehende Mutter. Im Dezember besucht Jonathan mit seiner Mama zum ersten Mal Lena und ihre Familie. „Wir haben ein paar schöne Tage zusammen verbracht und es war schön, Lena endlich persönlich kennenzulernen. Es war sehr interessant zu sehen, wie Lena alltägliche Dinge meistert. Noch heute bin ich total beeindruckt davon, wie sie ihre Fleischwurst schneidet!“, sagt Sarah und lacht. Stefanie erinnert sich: „Es war toll, dass sie sich, als Jonathan 2 Monate alt war einfach in den Zug gesetzt hat und uns besucht hat. Ich dachte, dass es wichtig ist, uns, und besonders Lena, kennenzulernen. Wie sie sich im Alltag bewegt, wie sie in der Öffentlichkeit ist. Sarah konnte miterleben, wie Lena reitet und Fahrrad fährt!“ Der Kontakt der beiden Frauen intensiviert sich. Da aber Sarah und Jonathan in Wuppertal, Stefanie und Lena in Hamburg wohnen, ist es „nur“ telefonischer Kontakt. Aber im April 2017 ziehen Sarah und Jonathan nach Bremen. Stefanie übernimmt den Umzug und die Familien feiern gemeinsam Ostern in Hamburg.

Heute sind Sarah und Jonathan regelmäßig zu Besuch in Hamburg bei Stefanie und Lena und ihrer Familie. „Mittlerweile habe ich das Gefühl, zur Familie zu gehören.“ sagt Sarah und lächelt. „Besonders, wenn Jonathan einmal krank ist, hilft uns Stefanie sehr! Das ist eine ungläubig große Hilfe!“ Und wenn man Kinder und Mütter sieht, glaubt man ohne zu zögern, was Sarah sagt: „Steffi ist Jonathans Herzens-Oma geworden!“ Stefanie sieht es genauso: „Mittlerweile gehören Sarah und Jonathan zu unserer Familie. So ähnlich als hätte ich eine Schwiegertochter mit Kind bekommen. Ich nehme die Rolle der Oma ein und gebe Ratschläge und auch mal Kritik, wie es in einer Familie so ist.“


Und Lena? Sie spielt hingebungsvoll mit Jonathan – wie eine große Schwester! Sarah: „Auch Lena und Ihre Freundinnen haben Jonathan sehr lieb und Lena ist ein bisschen wie eine Schwester geworden. Bei Besuchen ist er wirklich ein kleiner Prinz.“ Das kann Stefanie nur bestätigen: „Lena findet Jonathan total süß. Im Sommer hat sie ganz viel auf Jonathan aufgepasst und ihn mit Spielen unterhalten. Der kleine Kerl ist uns ans Herz gewachsen und wir hoffen auf eine lange gemeinsame Zeit!“ Ich frage Sarah, wie sie die Situation heute empfindet und ihre Antwort macht Mut: „Dass ein Arm fehlt, sehe ich mittlerweile weder bei Lena noch bei Jonathan. Es ist normal geworden!“ Inzwischen erfüllt fröhliches Kinderlachen den Raum. Lena fährt mit Jonathan auf einem kleinen Kunststoff-Auto und hält ihn dabei liebevoll im Arm. Er genießt es sichtlich! Was Sarah abschließend sagt, berührt mich sehr: „Ich finde bei uns trifft das Sprichwort „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue“ total zu. Natürlich hätte ich Jonathan zwei Arme gewünscht. Aber dann hätten wir uns nie kennen gelernt. Es ist schon alles gut so, wie es jetzt ist!“

Andrea Vogt
Andrea Vogt
Anne

Anne

Man sieht Anne ihre Behinderung nicht an, wenn sie wie der Blitz auf ihrem Fahrrad gefahren kommt, auf dem Weg als Studentin zur Uni. „Lehramt für Grund– und Mittelstufe mit den Fächern Biologie und Kunstpädagogik“ ist ihr Ziel.

Annes Geschichte